Künstliche Intelligenz in der psychischen Gesundheit – Revolution oder Gefahr?

Im Jahr 2024 wies rund ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland eine depressive oder Angstsymptomatik auf und litt damit an psychischen Gesundheitsproblemen. Gleichzeitig stößt die Versorgung vielerorts an ihre Grenzen und Menschen warten oft monatelang auf einen Therapieplatz. Angesichts dieser angespannten Versorgungssituation wird mittlerweile diskutiert, wie Künstliche Intelligenz (KI) das Gesundheitssystem entlasten, Therapeuten unterstützen und Patienten helfen kann. In diesem Artikel beleuchten wir den Forschungsstand zum Einsatz von KI in der psychischen Gesundheit.
Künstliche Intelligenz (KI) ist für die meisten Menschen längst kein Fremdwort mehr, sondern Teil des Alltags, weil sie vieles vereinfacht und eine nützliche Hilfe bei den verschiedensten Dingen ist. Selbst in der Medizin kommt KI mittlerweile zum Einsatz (siehe beispielsweise Künstliche Intelligenz in der Radiologie). Forscher haben längst erkannt, was für ein großes Potenzial in dieser neuen Technologie steckt, und befassen sich damit, wie KI die psychische Gesundheit unterstützen kann – und wo ihre Grenzen liegen.
Wie kann KI die psychische Gesundheit unterstützen?
In den letzten Jahren wurde in zahlreichen Studien untersucht, ob Gespräche mit KI-basierten Chatbots eine Wirkung auf das psychische Wohlbefinden haben können. Zwar haben die Konversationen nicht für eine merkliche Besserung der allgemeinen psychischen Verfassung gesorgt, aber dennoch zur Linderung akuter negativer Symptome beigetragen, indem sie einfache Bewältigungsstrategien anbieten – wie Atemübungen, Reframing-Techniken oder kleine alltagsnahe Handlungsimpulse.
Als digitale Gesprächspartner sind Chatbots jederzeit erreichbar: rund um die Uhr und ohne Wartezeit – ein Vorteil für Menschen, die sich spät abends oder in Momenten akuter Anspannung Unterstützung wünschen. Sie reagieren aufmerksam und nicht wertend, sodass Betroffene die Interaktion als entlastend empfinden und daraus den Mut schöpfen können, sich anderen Menschen anzuvertrauen oder sogar um therapeutische Hilfe zu bitten.
Für die psychische Gesundheit bedeutet das zwar keine Therapie im klassischen Sinne, aber eine niedrigschwellige Stütze, die Menschen in belastenden Phasen stabilisieren und ihnen Orientierung geben kann.
Wie erkennt KI emotionale Belastungen?
In der Forschung gibt es verschiedene Ansätze, um psychische Erkrankungen mittels Künstlicher Intelligenz zu identifizieren. Im Jahr 2018 hat beispielsweise ein Forschungsteam am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ein KI-Modell Text- und Audiodaten im Zeitverlauf auswerten lassen, um bei den Probanden Anzeichen von Depressionen zu erkennen. Ausschlaggebend waren vor allem semantische Muster sowie stimmliche Merkmale wie Tonhöhe und Varianz. In rund 71 Prozent der Fälle hat die Künstliche Intelligenz die Fälle korrekt eingeordnet.
In einer aktuellen Pilotstudie der PFH Göttingen und der Universität Reutlingen haben Forscher wiederum Transkripte von klinischen Interviews von einer KI analysieren lassen, um allein anhand der Sprache (Wortwahl, Satzstruktur, Sprechpausen) zu erkennen, ob eine Person depressiv ist oder nicht – auch hier war die Trefferquote mit ca. 80 Prozent hoch. Die Forscher betonen jedoch auch, dass Künstliche Intelligenz Psychotherapeuten nicht ersetzen, sondern ihnen als objektives Werkzeug dienen soll, um menschliche Fehleinschätzungen zu reduzieren, die Früherkennung zu unterstützen und das Gesundheitssystem zu entlasten.
Hinweis
Auch wenn KI die psychische Gesundheit unterstützen kann, legen zahlreiche Studien einen Schluss nahe: KI-gestützte Chatbots können menschliche Therapeuten nicht ersetzen. Denn obwohl Künstliche Intelligenz Gespräche führen und menschliche Emotionen simulieren kann, fehlt ihr das Verständnis für die komplexe menschliche Psyche.
Was eine künstliche Intelligenz für die Gesundheit nicht leisten kann:
- Echte Empathie entwickeln
- Eine therapeutische Beziehung mit gegenseitigem Vertrauen aufbauen
- Zwischentöne, nonverbale Signale oder widersprüchliche Aussagen erkennen und einordnen
- Eine umfassende Einschätzung geben, die den gesamten medizinischen und psychischen Hintergrund einer Person umfasst

Hinzu kommt, dass KI-Systeme auf Trainingsdaten basieren – mit allen Unschärfen, Verzerrungen und Lücken, die darin enthalten sind – und Nutzer dem Chatbot meist nicht ihre vollständige Vorgeschichte erzählen. Dadurch besteht stets das Risiko, dass Empfehlungen unpassend, zu allgemein oder im schlimmsten Fall gefährlich sind.
KI kann die psychische Gesundheit also bis zu einem gewissen Grad unterstützen und Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen begleiten (beispielsweise in der Zeit, in der sie auf einen Therapieplatz warten), aber die Tiefe menschlicher therapeutischer Arbeit nicht erreichen.
Quellen:
Hadžić, B., Ohse, J., Danner, M., Peperkorn N., Mohammed, P., Shiban, Y., Rätsch, M. (2024): AI-Supported Diagnostic of Depression Using Clinical Interviews: A Pilot Study. Proceedings of the 19th international joint conference on computer vision, imaging and computer graphics theory and applications, Volume 1: GRAPP, HUCAPP and IVAPP. https://publikationen.reutlingen-university.de/frontdoor/deliver/index/docId/4916/file/4916.pdf (abgerufen am 08.12.2025).
Li, H., Zhang, R., Lee, Y.-C., Kraut, R., Mohr D. (2023): Systematic review and meta-analysis of AI-based conversational agents for promoting mental health and well-being. npj Digital Medicine; https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10730549/ (abgerufen am 08.12.2025).
ERGEBNISSE DER JAHRESERHEBUNG DES PANELS GESUNDHEIT IN DEUTSCHLAND (RKI-PANEL 2024) Datenquelle: RKI-Panel 2024, Datensatzversion v5 Selbsteingeschätzte allgemeine Gesundheit (ab 18 Jahre); https://www.rki.de/DE/Themen/Forschung-und-Forschungsdaten/Sentinels-Surveillance-Panel/Panel/faktenblaetter.pdf?__blob=publicationFile&v=3
Model can more naturally detect depression in conversations
https://news.mit.edu/2018/neural-network-model-detect-depression-conversations-0830
